Story
Es gibt jährlich so viele Verbrechen. Diebstahl, Körperverletzung, Mord. Die Menschen sind zu endlosen Gewalttaten fähig, und die, die den unschuldigen Opfern helfen sollten, ihren Frieden zu finden, versagen immer und immer wieder. So viele ungelöste Verbrechen. Zu viele. Es ist Zeit, die Gerechtigkeit siegen zu lassen und es selbst in die Hand zu nehmen, die Täter zu bestrafen. Immerhin haben sie es mehr als nur verdient. Ich habe einen Entschluss gefasst, den ich nicht rückgängig machen kann - oder will. Ich habe etwas gesehen, das niemand sehen sollte. Ich habe Jahre meines Lebens damit verbracht, ein Verbrechen aufzuklären, bei dem die Polizei längst aufgegeben hat. Der Mord an einem jungen Mädchen, und das vor fast 6 Jahren. Ich erinnere mich noch genau an das, was damals geschah. Wie ich sie fand. In einer Seitengasse, weggeworfen wie Müll. Entsorgt als wäre sie nichts wert. Sie ist allein gestorben, ohne die geringste Chance. Als ich in diese Gasse einbog, konnte ich es riechen. Die Mischung aus Dreck, Blut und Verwesung. Ich hätte es fast für ein totes Tier gehalten, bis ich eine Hand aus den vollgestopften Mülltonnen ragen sah. Sie hatte so wunderschöne helle und weiche Haut, auf der ein einziger Tropfen getrockneten Blutes eine Spur hinterlassen hatte. Es hat mich so viel Überwindung gekostet, näher zu kommen, wie noch nichts in meinem Leben je zuvor. Ich stand dort, einen Meter entfernt, und starrte einfach nur diese Hand an. Vielleicht habe ich zuerst nicht einmal wirklich realisiert, dass es sich um eine Leiche handelte. Als ich meine stille Panik nun endlich überwunden hatte, hielt ich meinen Arm vor Nase und Mund, um den beißenden Geruch etwas abzuhalten, während ich Stück für Stück näher trat. Meine zitternden Finger zogen vorsichtig die über ihr gestapelten Müllsäcke zur Seite. Achtlos fielen sie alle einer nach dem anderen zu Boden, immer schneller und hektischer. Immer mehr war von dem Mädchen zu sehen. Der Arm, gezeichnet von der vertrockneten roten Blutspur. Die Schulter. Der Hals, wo sich die klaffende Wunde befand, die das Dunkelrot verursacht hatte. Der Kopf. Das war der schlimmste Teil von allen. Blutleere, weiße Lippen. Fahle Haut. Und leere, tote Augen, die ins Nichts starrten. Ich weiß noch, wie ich zurück stolperte, um dieses Bild zu vergessen. Doch meine Hand blieb an einem der dunkelblauen Müllsäcke hängen und zog ihn unweigerlich nach unten, nur um mir den Blick auf ihren nackten Körper preiszugeben, der von etlichen Stichwunden gezeichnet war. Entstellt, entkleidet und weggeworfen. Ich frage dich: Welcher Mensch kann einem anderen so etwas antun? Kein Mensch, ein Monster. Ein Monster, das dank der Unfähigkeit der Polizei nie gefasst worden ist. Aber ich habe ihn gefunden. 6 Jahre lang habe ich versucht, diesem Mädchen Gerechtigkeit zu Teil werden zu lassen, und nun ist es endlich soweit. Ich habe ihn gefunden. Ich habe ihn gefangen. Und ich werde ihn töten. Denn das ist das Einzige, was dieser Mensch verdient hat. Was, du denkst es ist unrecht? Du denkst, ich wäre das Monster? Du liegst falsch. Aber trotzdem, ich gebe dir eine Chance, all das selbst zu sehen, was ich gesehen habe. Ich gebe dir die Chance, das Verbrechen aufzuklären. Und am Ende wirst du sicherlich zu dem selben Schluss wie ich kommen. Du denkst, du würdest anders entscheiden? Dann mache ich dir noch ein Geschenk. Das Geschenk, die Entscheidung zu treffen. Du kannst dir Zeit lassen, ich habe solange Spaß mit dem Monster. Folge den Spuren selbst, und wenn du schließlich glaubst zu wissen, wer das Monster in unserer Menschenwelt ist, dann nenn mir seinen Namen. Ich werde jemanden töten, der für alles bezahlen soll, was diesem Mädchen angetan wurde. Und du darfst bestimmen, wen. Aber beweise auch die Unschuld der anderen, sonst werden alle sterben. Du hast alle Zeit der Welt, aber das Monster in meinem Keller vielleicht nicht. Ich mache mit ihm, was ich für richtig halte, und was er verdient hat. Mal sehen, wie lange er durchhält. Vielleicht solltest du dich doch etwas beeilen, oder es sterben womutlich mehr als nur eine Person...
Um mit deiner Ermittlung beginnen zu können, muss ich dir wohl oder übel die gesamte Geschichte erzählen - meine Geschichte.
Es war der 16. Oktober 2011, als ich früher als geplant meine Arbeit verlies. Früher meint in diesem Fall kurz vor Mitternacht, denn normalerweise dauert das Aufräumen in der Bar noch länger. Doch dieses Mal hatten wir weniger Betrieb und es war einfach, alles frühzeitig fertig zu bekommen. Auf meinem Weg nach Hause bin ich schon jahrelang durch diese eine, dunkle Gasse gelaufen. Eine Abkürzung, die zu einem Park führt, von dem aus ich schnell meine Wohnung erreichen kann. Um diese Zeit findet sich dort niemand mehr, es gibt keine Laternen oder Lampen. Es ist eine einfache Seitenstraße, schmal und unbeleuchtet, die als Lagerstätte für die Mülltonnen der Restaurants dient, deren Hinterausgänge sich hier befinden. Normalerweise riecht es nach Fett und alten Essensresten, an diesen Geruch bin ich längst gewöhnt. Doch dieses eine Mal war es ein anderer Geruch, der in meine Nase stieg. Der süßlich-bittere Verwesungsgeruch der langsam verrotenden Leiche eines 14 jährigen Mädchens. Ich habe schon erzählt, wie ich sie gefunden habe. Dort liegend, eingebetttet in Abfall. Umhüllt von eingetrocknetem Blut und fauligem Gestank. Ich weiß noch, wie ich mich panisch und unfähig mich noch weiter zu bewegen gegen die kalte, steinerne Wand gedrückt wiederfand. Sekundenlang konnte ich die Augen nicht von dem entstellten Körper vor mir abwenden, es kam mir vor wie eine Ewigkeit, als ich dort stand. Meine Atmung war schneller, hektischer als normal. Als ich mich schließlich wieder bewegen konnte, rannte ich aus der dunklen Gasse zurück zur Hauptstraße, vielleicht aus der irrwitzigen Vorstellung heraus, den grausamen Bildern entkommen zu können, die sich in meinen Kopf gebrannt hatten. Keuchend hielt ich mich an der Backsteinfassade eines Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite fest, um zu verhindern, dass meine zitternden Knie nachgaben. Mit bebenden Fingern überwand ich mich letztlich, mein Handy aus der Jackentasche zu ziehen, um den Notruf zu wählen. Ich wusste, dass sie nicht mehr zu retten war, doch vielleicht konnte die Polizei wenigstens den Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Zumindest hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch die Hoffnung darauf.
Es dauerte fast 20 Minuten, bis endlich ein Polizeiwagen eintraf. Ein Wagen, für einen kaltblütigen Mord. Zwei scherzende Polizisten, die sich kaum die Mühe machten, den Tatort zu untersuchen. Ich konnte mich nicht überwinden, als Zeuge vor sie zu treten. Also hielt ich mich in dem finsteren Park am anderen Ende der Gasse versteckt, wartend, hoffend, dass jemand etwas tun würde. Irgendwann traf ein Leichenwagen ein, ein Gerichtsmediziner, der die Leiche mit Hilfe der Polizisten achtlos auf eine Plane warf und in den Wagen verfrachtete. Hattte sie denn nichts besseres verdient, als so entwürdigt zu werden, selbst nach ihrem Tod? Es machte sich niemand die Mühe, die Blutflecken wegzuwischen. Nach über einer Stunde war die Gasse wieder so verlassen wie zuvor, und ich stand noch immer zitternd und gelähmt in einem verlassenen Park. In solchen Situationen bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als sich zu fragen, welcher Gott soetwas zulassen konnte. Welcher Mensch zu so etwas fähig war. In dieser Nacht machte ich kein Auge mehr zu, denn jedes Mal, wenn meine Lider müde nach unten sanken, sah ich sie erneut vor mir. All die Grausamkeiten, die man ihr angetan hatte. Ihr. Ich kannte damals nicht einmal ihren Namen, bis ich ihn zwei Tage später in der Zeitung las.
Elena Graham, 14 Jahre, gestorben am 16.10.2011. Die Polizei bittet mögliche Zeugen, sich baldmöglichst zu melden.
Eine Zeile. Für ein blutrünstiges Verbrechen. Ich weiß, ich hätte mich melden sollen, doch ich konnte nicht. Nicht nachdem ich gesehen hatte, was die Polizisten getan hatten. Was sie ihr angetan hatten. Als wäre ein Monster nicht genug, das sie wie Müll behandelt. Ich habe versucht, es zu vergessen, irgendwie damit zu leben. Mit einem Bild, das mich von da an jede einzelne Nacht heimsuchte und quälte. Ich konnte nicht schlafen. Nicht essen. Nicht arbeiten. Mit jedem Schritt konnte ich den Gestank wieder riechen, den geschändeten Körper wieder sehen. Es gab nicht eine Sekunde, in der mich ihr Name nicht verfolgte. Ich wartete jeden Tag auf eine Traueranzeige in der Zeitung, auf einen Bericht über die Verhaftung ihres Mörders, auf irgendetwas, das die Menschen an sie erinnern würde. Doch es war vergebens. Niemand schien sich um sie zu kümmern, um sie zu trauern, um Gerechtigkeit für sie zu kämpfen. Die Tage und Wochen begannen, ineinander zu verschwimmen. Monate vergingen, ohne irgendwelche Neuigkeiten. Mein letztes Vertrauen, das ich in die Polizei gesetzt hatte, verschwand von Minute zu Minute weiter. Bis nichts mehr übrig blieb.
Zu dieser Zeit hatte sich mein Leben längst drastisch gewandelt. Ich hatte nur noch wenige Schichten in der Bar, der Kontakt zu meinen wenigen Freunden wurde immer seltener. Ich hatte in einem Traum gelebt, bis ich endlich aufwachen konnte. Aufwachen und meine Aufgabe sehen konnte. Niemand hatte sich bemüht, Elena Frieden zu schenken. Vielleicht hielt es auch niemand für nötig, da es keinen gab, dem sie wichtig gewesen zu sein schien. Doch mir war es wichtig, die Welt vor einem Monster zu bewahren. Einem grausamen Monster, das jederzeit wieder zuschlagen konnte. Also gab es nur eines, was ich tun konnte: Dieses Monster finden und vernichten.
Es war schon fast ein Jahr vergangen, seitdem ich das arme Mädchen gefunden hatte, und die Polizei hatte den Fall längst ad acta gelegt. Keiner machte sich noch die Mühe, auch nur einen Gedanken an sie zu verschwenden - außer mir natürlich. Ich wusste so gut wie nichts über sie, nur ihren Namen und ihr Alter. Aber um jemanden zu finden, der einen Grund hatte, ihr all das anzutun, oder auch nur ansatzweise verdächtig war, musste ich mehr über sie und ihr Leben in Erfahrung bringen.